Minn, Josef

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Minn, Peter Josef (* Mutterschied, Hunsrück 20. Juni 1883 † 12. Dez. 1952 Münster i. Westf.) Dr. phil.

Pankok, Otto (* Mülheim an der Ruhr- Saarn, 6. Juni 1893 † 20. Okt. 1966 Wesel, Niederrh.) Prof.

»In unserer Zeit der großen Kulturwende, in der das Wort Gottes nicht verschwinden darf, hat auch die Synagogengemeinde ihre besonderen Aufgabenkreise, um Verfallserscheinungen unserer Zeit entgegenzuwirken. Aus unserer Kulturmasse kann das Alte Testament nicht herausgenommen werden. Ganz besonders sind es auch unsere Klassiker gewesen, denen das Alte Testament reiche Werte vermittelt hat.«

(Dr. Josef Minn anlässlich der 100- Jahr Feier der Synagogengemeinde Wattenscheid am 8. April 1929; weiteres siehe unten)


Die Evangelien

Nach den vier Frohbotschaftern –– Eingedeutscht und ausgedeutet für die Zeitgenossen von Josef Minn

Mit Bildern von Otto Pankok

Düsseldorf: Drei Eulen Verlag 1947

Koph.png Wortstimme


"Am Anfang war der Offenbarer,

und der Offenbarer war urtümlich

der Gotteskraft beigesellt,

und der Offenbarer war selber Gott.

Dieser war im Anfang der Gotteskraft beigesellt.

Alles ward durch ihn ins Dasein geschaffen,

und ohne ihn

ward nicht der kleinste Daseinsteil geschaffen.

In ihm war ewiges Zeugungsleben,

und das ewige Zeugungsleben

war das Licht der Menschen.

Und das Licht scheint im Schattenraum,

aber der Schattenraum

hat es nicht einzubewältigen vermocht."

Der ewige Offenbarer I
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Zum Buch:

Der gebundene Oktavband bietet eine außergewöhnliche Übersetzung, die zudem noch, betreffs des Schriftsatzes, kolometrisch in Antiquaschrift gedruckt ist. Auf gut 420 Seiten sind alle vier Evv übertragen; Sinnabschnitte sind mit Überschriften versehen, Verszahlen weggelassen. Bedauerlich, daß nur eine einzige Auflage existiert, denn diese Üs ist es wert, gelesen und verstanden zu werden. Minn überträgt die Texte in einer außerordentlich kräftigen bildhaften Sprache; viele Vokabeln mögen heutigen Ohren fremd klingen, doch Eintönigkeit oder "politisch korrektes" Aufsatzdeutsch ist ist dieser Sprache nicht nachzusagen. Das beginnt schon bei den Evangelien- Überschriften: "Der Wunderbaumeister des heimlichen Tempels" ist z. B. das Markus- Ev. überschrieben. Dieses Werk aus der unmittelbaren Nachkriegszeit (1947) spricht denn auch in programmatischer Sprache und mit großer Ehrfurcht vor dem Schöpfer Minns Zeitgenossen (und Leser) direkt an:

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In stillem Gedenken // an alle Opfer des Machtwahns - // in allen Zonen der Welt // und in allen Zeiten der Geschichte - // und in der stillen Hoffnung, // daß der Same neuer Zeugenschaft // aufgehe und wachse, // zu entmakeln die Erde // und die Völker einzuheiligen, // für IHN // der da war und ist und bleibt // HERR // auf Weltzeit und in Ewigkeit.

Josef Minn schrieb leider weder ein Vor- noch ein Nachwort zu diesem Buch, so daß nähere Einsichten über die Motive seiner Übersetzung nicht zu gewinnen sind. Ein Inhaltsverzeichnis der Evangelien und ein Verzeichnis der Bilder beschließen das Werk. --

In der Monographie von P. H. Vogel : »Evangelische und freikirchliche Bibelübersetzungen im 19. und 20. Jhdt in Deutschland« (siehe Bibliographie) ist Minns Evangelien- Üs übrigens fälschlicherweise unter ebendiesen aufgeführt, da sich im Buch kein Hinweis auf die Denomination des Autoren findet.

Otto Pankoks eingebundene schwarzweiß Bilder, sechs Kohlezeichnungen, stammen aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. Der »Drei Eulen Verlag«, innerhalb dessen Minns Üs erschien, war 1946 von Otto Pankoks Frau Hulda geb. Droste, gegründet worden. Der Expressionist Pankok und sein Werk sind ausführlich im Internet dokumentiert. Auch bei Kollege >>http://www.Bibelarchiv-Vegelahn.de<< finden sich interessante Informationen über Pankoks "Resistance" gegen Hitlers Regime.
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Öl und Wein für Wundgeschlagene am Wege

Ev. Luk. X, 30-35 [von Josef Minn]

Düsseldorf: Drei Eulen Verlag 1947

Koph.png Wortstimme

"Jemand fiel unter die Raubmörder —

die plünderten ihn aus,

schlugen ihn wund

und ließen ihn halbtot liegen.

Priester und Levit hasteten vorbei.

Ein landfremder Ketzer sah die Not,

erbamte sich des Hilflosen,

verband die Wunden,

goss ÖL und WEIN darein

und brachte ihn auf einem Reittier

in die Herberge, wo er ihn umsorgte."

Ein Gleichnis Jesu
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Zum Buch:

In Zusammenarbeit mt dem Maler Otto Pankok, ist dieses Heft entstanden. Dieser gestaltete den Einbandentwurf, der als WS zitiert ist. In diesem broschierten Oktavbändchen ist die oben wiedergegebene Lukas- Stelle eines der fünf vorkommenden Bibelsätze; die Besprechung findet hier ausnahmsweise statt.

MinnW.png
Minn hat auf etwa 80 Seiten Texte und Eindrücke aus den 30er Jahren, der finstersten Zeit des 20. Jahrhunderts, in Druck gebracht. Im Nachwort schreibt er: "Das Geheimnis des sterbenden und aufwachsenden Weizenkorns offenbart sich auf leidgetränkter deutscher Erde. Es sind Texte, keine Predigten, die sich hier ans Licht wagen, Herzens- Dokumente eines Mannes, der sie 1934 niederschrieb und der seine Knie nicht beugte vor Baal und Moloch."



Biogramm:

Petrus Josephus Minn, wie er sich in seinem Nachruf selbst nannte, war eine Ausnahmeerscheinung in jeder Beziehung. Selbst noch die Recherchen zu seiner Person waren von besonderer Faszination.

Als Sohn eines Volksschullehrers in der Nähe von Simmern im Hunsrück geboren, besuchte er die Gymnasien in Sobernheim und Prüm. Ostern 1901 betand er die Reifeprüfung. In Trier studierte er anschließende sechs Semester katholische Theologie und Philosophie am dorigen Priesterseminar. 1903 zog er ins westfälische Münster, um dort ein Studium für die Vorbereitung aufs höhere Lehramt zu beginnen. Er promovierte 1906 über Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen zum Dr. phil. 1907 bestand er die philologische Staatsprüfung. Danach folgte der Militärdienst in Gießen. Seine weitere schuldienstliche Karriere liest sich wie folgt:

1910 Erweiterungsprüfung für philosophische Propädeutik, Geschichte, Deutsch und Erdkunde. Seminarjahr am Gymnasium München- Gladbach, Probekandidat Gymnasium Jülch, wissenschaftlicher Hilfslehrer Gymnasium Eschweiler und Realgymnasium Sterkrade. Ab 1911 Oberlehrer Gymnasium Bottrop. Im gleichen Jahr Heirat mit Mathilde geb. ?? 1914 bis 1918 Offizier an der Westfront; in der Marneschlacht verwundet und in englischer Gefangenschaft, wo er Englisch lernt und die dortigen Bildungseinrichungen studiert. 1916 wurde er in die Schweiz ausgetauscht und dort interniert. Sogar hier wird er tätig: Er gründet und leitet Fortbildungsschulen und Internierungswerkstätten. Nach dem 1. WK ist er zurück in Bottrop und gibt neben seiner Lehrtätigkeit Kurse über Vokswirtschaft, Geschichte, Phlosophie, Literatur und Kunst an der dortigen VHS.

Im Mai 1923 übernimmt er die Amtsgeschäfte des Schulleiters am Märkischen Gymnasium in Wattenscheid. Diese entscheidenden Jahre - Übergangszeit zwischen Monarchie und Republik - sind auch für Minns Wirken eine besondere Herausforderung: In den folgenden zehn Jahren hat er unermüdlich daran mitgewirkt, dem Übergang vom dynastischen (Kaiserreich) zum kulturellem Patriotismus (Weimarer Republik) Inhalt und Form zu geben. Auch an der Entwicklung der Stadt Wattenscheid und deren Souveränitätswillen gegen die Eingemeindungsbestrebungen der Stadt Bochum war er maßgeblich beteiligt.

Josef Minn war überzeugter Katholik. Dennoch hatte er - im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen - keine Berührungsängste mit anderen Religionsgemeinschaften: Am 6. April 1929 veröffentlichte die Allgemeine Wattennscheider Zeitung einen Artikel Dr. Minns mit der Überschrift: " Aus dem inneren Leben der deutschen Judengemeinden", in dem er sachlich und mutig die Geschichte der Juden in Deutschland darstellte und ihre Beiträge zu »unserer vaterländischen Kultur« würdigte. Als kurz darauf die Synagogengemeinde Wattenscheid ihre 100- Jahr- Feier beging, ergriff er während der Feierstunde das Wort: „In unserer Zeit der großen Kulturwende...( Weiteres zitiert in der Überschrift am Anfang dieses Artikels). Das Hoch des Redners galt der abendländischen Kulturvermittlung sowie dem Vorsteher der Jüdischen Gemeinde, Rechtsanwalt und Notar Dr. Felix Röttgen.

Ob seine Wertschätzung des deutschen Judentums ihm und seiner Karriere als Beamter letztendlich zum Verhängnis wurden oder seine ausdrückliche Stellung zur Weimarer Verfassung oder eben seine katholische Frömmigkeit: Mit dem Aufstieg Adolf Hitlers (Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Wattenscheid im September 1933) begann auch der unaufhaltsame Abstieg des katholischen Studiendirektors und Judenfreunds Dr. Josef Minn. Der Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung verfügte die Entlassung des StDir. gemäß § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (politische Unzuverlässigkeit) mit sofortiger Wirkung.

Minn war nun zwangsbeurlaubt und die ihm zustehende Pension wurde um ein Viertel gekürzt. Das war ein harter Schlag für die Familie; er war Vater von acht Kindern. Herbe Einschränkungen hatte dies zur Folge. Auf Anraten eines Freundes und um den Diffamierungen und Schikanierungen in Wattenscheid zu entgehen, zog die Familie schliesslich nach Bonn, wo die Nazis nicht ganz so streng zu sein schienen. Die berufliche Enttäuschung, die Sorgen um seine Familie und die Mangelernährunge führten bei Dr. Minn zu Magengeschwüren, die sich in der Bomben- und Bunkerzeit noch verschlimmerten. 1945 verlor er durch Bomben, Plünderungen und mutwillige Zwrstörung durch die amerikanischen Besatzungstruppen fast seine ganze Habe (er hatte eine reiche Sammlung religiöser Kunst besessen).

1945 wurde er reaktiviert und in eine Studienratsstelle am Beethoven- Gymnasium in Bonn eingewiesen. Seine Gesundheit allerdings verschlechterte sich bis zum völligen physischen Zusammenbruch. Nach einer schweren Magenoperation blieben ein Magenbruch und ständige Verdauungsbeschwerden zurück. 1946 wurde ihm die Stelle eines Direktors der Pädagogischen Akademie in Köln angeboten. Wegen seines Gesundheitszustandes konnte er dieses Angebot jedoch nicht mehr annehmen, sondern mußte sich in den Ruhestand versetzen lassen. In dieser Zeit verband ihn eine Freundschaft mit dem Expressionisten Otto Pankok (darüber sind noch weitere Recherchen nötig). Auch wurde oben beschriebene Bücher in diesem Zeitraum veröffentlicht.

In der Folge seiner physischen Probleme stellten sich auch psychische Beschwernisse ein. 1951 verließ er seine Familie und zog nach Münster. Lange Krankheiten fesselten ihn oft ans Bett.

Dennoch begann er, seinen Anspruch auf Wiedergutmachung des ihm zugefügten Unrechts durch die Nationalsozialisten beim Schulkollegium und Kultusministerium durchzusetzen. Ein Wiedergutmachungsbescheid des Kultusministeriums von NRW erging im November 1954. Diesen Tag hat StDir Dr. Minn jedoch nicht mehr erlebt. Er starb am 12. Dez. 1952 und liegt in Münster begraben.

(Mit Dank an A. Halwer)

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Totenzettel, von Minn sehr eigenwillig in lateinischer Sprache verfasst:

»Es ruht von der Wanderschaft: Peter Josef Minn – Trierer Geistlicher – Doktor der Philosophie – Magister der freien Künste – Studiendirektor im Gymnasium Wattenscheid –

eifriger Erforscher göttlicher Offenbarungen und christlicher Gottesschriften - Freund und Verteidiger von Frieden, Wahrheit und Freiheit -

mit dem Klüngel der Pharisäer in ständiger Feindschaft stehend - demütiger Diener Christi - überdrüssiger Weltverächter - von Menschen nichts, von GOTT und seiner Gnade alles erwartend - * * am 20. 6. 1883 in der Rheinpfalz geboren, heimgegangen im Exil unter Sachsen 12. 12. 52.

  • * Endlich frei, endlich wohl verwahrt - endlich ewig.

O JESUS priesterliches Opferlamm und Überwinder, erbarme dich des Deuters der Wahrheit.«

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Eines der Photos zeigt die katholische Propstei- Kirche St. Gertrudis,
ein anderes die Gedenktafel am Ort der zerstörten Wattenscheider
Synagoge mit hebr./ dt. Text aus 
Klagelieder 5/ 1: Gedenke, Ewiger, was an uns geschah...!